Oder auch: Von Milchstraßen und Massentourismus
Nach drei Tagen wird eine Gruppe allmählich wirklich zur Gruppe. Das war auch in unserem Fall so. Als ich am ersten Tag in meinem Reisetagebuch alle Leute der Gruppe kurz beschrieben habe, hatte ich kurz eine Idee für ein Buch: Eine neu zusammengewürfelte Gruppe reist gemeinsam durch Australien, sie besteht aus ganz verschiedenen Menschen und hat im Outback eine Panne. Von da an muss sie zusammenhalten, lernt sich unweigerlich irre gut kennen und erlebt aufregende, verrückte, großartige und gefährliche Abenteuer. Wenn das kein Bestseller wird, dann weiß ich auch nicht.
Ganz so aufregend wurde unsere Tour dann nicht, aber dennoch finde ich es spannend, wie schnell aus einem Haufen Fremder eine echte Gruppe wird, mit ganz verschiedenen Menschen, Cliquenbildung, Sympathien, Konflikten und gemeinsamen Spaß. Vielleicht sollte ich mal ein Buch über Gruppendynamiken lesen, denn das ist wirklich faszinierend. Aber dazu später mehr.
Der vierte unserer sechs Tage begann mit einer Delfinbegegnung in Monkey Mia. Um ehrlich zu sein, war der Halt einer der Gründe, weshalb ich die Tour gebucht hatte. Allerdings war es ein Erlebnis, das zwar nett war, ich aber nicht noch einmal bräuchte. Jeden Morgen sammeln sich zwischen 200 und 500 Leute am Strand von Monkey Mia. Dort kommen dann zwei Personen, die in einem Naturschutzprojekt arbeiten, von dessen Arbeitsweise ich aber nicht komplett überzeugt bin. Im Wesentlichen moderieren die beiden dann die „Dolphin Experience“, bei der täglich die selben wilden Delfine in die Bucht kommen, um sich ihren Fisch abzuholen.
Mein schlechtes Gefühl liegt darin begründet, dass die Moderation genauso gut in einem Delfinarium stattfinden könnte und Delfinarien gehen aus meiner Sicht so gar nicht. Mit Natur hat das Ganze natürlich auch wenig zu tun, wenn 300 Menschen gleichzeitig drei Schritte vor in die Wellen machen, um den Delfinen, die selbstverständlich Namen bekommen haben, auf die Pelle zu rücken. Das Ganze ist nichts Anderes als eine Massenveranstaltung für Menschen, die auf bequeme Art und Weise den süßen Delfinen nah sein wollen.
Beruhigt hat mich ein wenig, dass die Delfine immerhin wild sind. Sie könnten theoretisch wegschwimmen und würden nicht daran gehindert werden. Außerdem wird das Projekt immerhin annähernd vernünftig begleitet. Der Fisch ist abgewogen, die Tiere sind bewusst ausgewählt und Verhalten und Körperdaten werden aus der Ferne kontrolliert. Und für die Gäste gibt es klare Verhaltensregeln: Man darf die Delfine nicht berühren und soll zumindest auf Sonnencreme etc. verzichten, die andernfalls Augenentzündungen bei den Meeressäugern verursachen können. Und trotzdem bleibt ein komisches Gefühl.
Der Abend am selben Tag sollte zu meinem absoluten Highlight der Westküste, wenn nicht von ganz Australien werden: Wir haben auf einer Farm übernachtet. Nach unserer Ankunft in Doppelzimmern gab es erstmal die Erlaubnis, dass wir unsere Betten auch raus räumen könnten, um unter freiem Himmel zu schlafen. Dann wurden wir von zwei Pick-Ups abgeholt, haben uns auf die Ladefläche gesetzt und sind losgefahren. Es ging durch riesigen Felder, die in der Abendsonne golden geglänzt haben, hier und da sind ein paar Kängurus weg gehopst. Alle waren eingestaubt und fanden es ganz großartig. Ende der Fahrt war hinter einer Düne. Von dort sind wir an einen der 16(!) großzügigen Privatstrände der Farm gegangen und haben den Sonnenuntergang über dem Meer beobachtet.

Zurück in unserer Unterkunft haben wir zu Abend gegessen, Marshmallows über dem Lagerfeuer gegrillt, den wilden Dingos gelauscht, in die Sterne gesehen und die Milchstraße entdeckt. Es ist unglaublich, wie winzig man sich mit Blick nach oben vorkommen kann. Der Abend hätte nicht schöner sein können und genau das war das, was ich mir vorgestellt hatte, als ich mich für Australien als Reiseziel entschieden habe.

Am nächsten Tag ging es wunderschön weiter: Das Ningaloo Reef stand auf dem Plan. Ich hatte eine Bootstour gebucht, die komplett anders als am Great Barrier Reef war. Sie hat die Hälfte gekostet, wir waren zu acht auf dem Boot und es war irgendwie… entspannter. Um zum Boot zu gelangen, musste man z.B. schon mal durch’s Wasser waten, denn einen Steg sucht man hier vergeblich. Das Riff sieht hier ganz anders aus als an der Ostküste. Es ist mehr „50 Shades of Brown“ als kunterbunt. Aber die Formen der Korallen und die Vielfalt der Fische ist nicht minder spektakulär.
Und auch hier habe ich eine Schildkröte entdeckt! Für ein Selfie war auch diese hier zu weit weg, aber immerhin hat sie sich gezeigt. Vom Boot aus haben wir dann noch einige Schildkröten entdeckt, die im Sanctuary geschützt leben dürfen.
Anders als das Great Barrier Reef ist das Ningaloo Reef sehr nah am Strand. Das heißt, man kann von Land aus bis zum Riff gehen und dann einfach los schnorcheln. Das hätte ich den ganzen Tag machen können, so schön war es. Am Strand gibt es übrigens auch Schlangen, wie ich zu meinem großen Schrecken feststellen durfte. Dass die überaus giftigen Babyschlangen aber so kuschelbedürftig sind und sich an meinem Nacken langschlängeln würden, hätte ich ja aber auch nicht ahnen können. Verletzt wurde zu meinem Glück niemand, einen Fotobeweis gibt es aber aus Schreckensgründen auch nicht.
Am letzten Tourtag war dann alles etwas entspannter als sonst. Die meisten aus der Gruppe hatten ein Walhai-Tour gebucht, gegen die ich mich aus Kosten- und Tierschutz-Gründen entschieden hatte. Stattdessen ging es für uns verbliebene vier Leute zur Turquoise Bay, die wunderschön war. Leider gab es an dem Tag aber viele Quallen, die zwar nicht tödlich, aber sehr schmerzhaft waren, weshalb wir das Baden auf ein Minimum beschränkt haben.

Abschließend waren wir dann noch an einer Schlucht, die man von oben besichtigen konnte. Ich hatte das Gefühl, ich sei eine der ersten Personen, die dort standen. Dieses Fleckchen Erde steht in keinem Reiseführer, hat keine Touristeninformation und kein Klo. Der Wanderweg ist der Flusslauf und wenn Wasser da ist, wird nicht gewandert. Und genau das war das, was ich in West-Australien gesucht und gefunden habe: Highlights abseits des Massentourismus.

Bewertung insgesamt: 4 von 5 Punkten







